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6# Ode an die Jahreszeiten

Aktualisiert: 8. Dez. 2021

Mein erster Atemzug war ein Geschenk der kühlen, feuchten Novemberluft. Schon als Kind liebte

ich den Herbst, und wie er seine Finger nach den Bäumen ausstreckte, bis sie ihm - zunächst wilde,

bunte Tänze aufführend - ihre Blätter zu Füssen warfen. Ebenso liebte ich die schneidende Kälte

sonnengeküsster Wintermorgende, und das Knistern des ersten Frosts unter meinen kleinen

Stiefeln. Ich liebte den Frühling, der lau und mild das Eis zum schmelzen brachte und mich mit

Schauern aus zarten Kirschblüten übergoss. Und ich liebte die Hitze des Sommers, das

verschwitzte Versteckspielen in einer nach reifem Getreide duftenden Welt.

Doch während die Jahreszeiten ineinander verschmolzen, die Jahre vorbeizogen, wuchs ich in eine

andere Welt hinein, eine, die sich zunehmend grau und eintönig anfühlte. Ich hatte, so wie es

fast jedem Herzen irgendwann geschieht, über den hektischen Anforderungen einer

entfremdeten Gesellschaft das Staunen verlernt. So kam es, dass mir in meiner Jugend weder

der verspielte Wandel der Jahreszeiten, noch meine Heimat etwas bedeuteten.



Kaum volljährig, lief ich davon. Ich wollte endlich wieder etwas fühlen, einen Ort finden, an den ich gehörte, und so tauschte ich was sich so lange trostlos und grau angefühlt hatte gegen den

lockenden Ruf der Ferne ein.

Ich verschrieb mich dem Abenteuer, das, wie ich glaubte, nur im Unbekannten zu finden sei.

Suchte meine Wurzeln weit entfernt von dem Flecken Erde, in dem sie verankert waren.

Regenwälder und weiße Strände, klare Lagunen und Wasserfälle, Vulkangipfel und

schneebedeckte Bergketten breiteten sich auf meinem Weg vor mir aus und berührten mein Herz.



Sieben Jahre lang durchstreifte ich die Tannenwälder Kanadas, die geheimnisvollen Dörfer entlang

des Amazonas und die Märkte der Andenvölker. Sieben Jahre lang sah ich kaum einen Winter,

stand ich in keinem Herbststurm. Regenzeit, Trockenzeit, dann wieder Regenzeit.

Und so sehr mich meine Reise auch verwandelte, so sehr jede Begegnung, jedes Lächeln, jeder

atemberaubende Sonnenaufgang mich auch beschenkten und so sehr ich auch lernte, im

beständigen Weiterziehen Geborgenheit zu finden, am Ende fühlte ich mich heimatloser denn je.

Man könnte sagen, jede Beziehung braucht hin und wieder etwas Abstand, einen Ozean

zwischen den Küsten der Seelen, in dem sich die Sehnsucht entfalten kann.

Es waren meine Ahnen, die irgendwann begonnen, leise in mir zu singen. Sie sangen mich zurück

in ihre Arme, zurück zu der Erde, über die meine nackten Kinderfüsse damals gelaufen waren.

Und als ich also endlich wieder in dem Land ankam, das mich erst geboren und dann weit

fortgespuckt hatte, breitete die Natur, die ich als trüb und trostlos in Erinnerung hatte, auf einmal

all ihre Wunder vor mir aus.



Ich weinte, als meine Zunge das erste mal in schier endloser Zeit wieder Schneeflocken fing. Starb

vor Glück, als der Frühling den Schnee mit sich fortnahm, um die ersten Kräuter ans Licht zu

kitzeln.

Ebenso wie ich irgendwann einmal laufen gelernt hatte, lernte ich wieder, die Laubwälder zu

lieben, die alles in ihr durchdringendes, umhüllendes Grün tauchten, um es dann in eine modrige,

morbide Landschaft aus Brauntönen zu verwandeln.

Auf einmal sah ich dieses Land mit anderen Augen, mit den staunenden Augen eines Kindes, das

nur fühlt, nicht versteht. Aber ich verstand.


Ich verstand, dass die Jahreszeiten die Sprache sind, mit der das Land uns die Geheimnisse

des Lebens zuflüstert. Genau wie mein eigener, innerer Zyklus mit seinem heiligen Blut die

Stimme meines Körpers ist.

Und in diesem Raunen, in diesem zutiefst mystischen Gesang der sich wandelnden Erde, in den

sich die Lieder meiner Ahnen, als auch die meiner Nachfahren einweben, fand ich endlich meine

Heimat. In der Natur, die sich vom Rad der Zeit berühren lässt, lernte meine Seele, sich ebenfalls

vom Leben berühren zu lassen, voll Zuversicht, dass nach jedem Frühling ein Sommer kommt.



Seitdem wächst meine Liebe zu den Jahreszeiten beständig in die Weite, und in die Tiefe.

Jedes Jahreskreisfest, jedes Ritual der Dankbarkeit und Ehrfurcht, bringt mich meinem eigenen

Ursprung ein Stückchen näher, schürt die Erinnerung an eine Zeit, in der die Seele der Natur in

jedem Moment des Wandels spürbar war.

Durch jede Pflanze, die es mir erlaubt, ihre Reise durch die Jahreszeiten zu begleiten, und mich

dadurch mit ihrer Medizin durchspült, erkenne ich, wie dicht und reich und allumfassend das Netz

ist, in das ich eingewoben bin.

Durch jeden Augenblick, den ich im Garten verbringe, die Hände in der Erde vergraben, verstehe

ich ein wenig besser, was es heisst, diese Erde zu behüten.

Im Einklang mit den Jahreszeiten zu leben heisst, dem pulsierenden Herzschlag der Mutter

zu lauschen, und zu erkennen, dass er in meiner Brust widerhallt. Dass ihre so verschiedenen


Gewänder den wundersamen Zauber des Lebens wie einen Spiegel vor mir ausbreiten, in dem ich

die Wunder meiner eigenen Seele betrachten kann. Dass ich im Durchwandern dieser zyklischen

Zeit zuhause bin.


Dies ist meine Ode an den Zauber der zyklischen Zeit.

An das Geborenwerden im tiefsten Dunkel, das sich so warm, so schützend und friedlich anfühlt.


An den Frühling,

An die ersten schüchternen Küsse des Lichts, das den Träumen zarte Flügel verleiht und den

Herzen den Mut, sich zu entfalten.

An die unbändige Begeisterung über die länger werdenden Tage und den sprießenden Teppich,

der grün und hoffnungsspendend über karge Böden kriecht.

An die aufberstenden Knospen und die milden Winde, die die Welt in einen pastellfarbenen

Blütenregen tauchen.





An den Sommer,

Die Gestalt gewordene Fruchtbarkeit der Mutter und ihre nie enden wollende Fülle an

Geschenken.

An die summenden, duftenden Wiesen und ihre Heilkräuter, in denen sich unsere eigene

Lebendigkeit widerspiegelt.

An die Hitze, die sich über den goldenen Feldern staut und sich in blitzdurchzuckten

Sommergewittern entlädt.

An Schweissperlen auf nackter Haut, und das Feuer in unseren Herzen.


An den Herbst,

Vielgestaltig wie das Leben selbst,

Der das Land mit allerlei Farben bestreicht und unsere Kammern füllt,

Bevor er uns dann, auf seine oft unbarmherzig erscheinende Weise, das Sterben lehrt.

An die Stürme, die uns von der Last alter Gewänder befreien,

Und an das Vergehen, das in Anbetracht der langsam in die Erde zurückkriechenden Natur nichts

weiter ist als Urvertrauen.


An den Winter,

der unseren warmen Atem wie Rauchwolken in seiner klaren, kalten Luft einfängt,

der sich über uns beugt wie eine freundliche, bucklige Grossmutter, und unsere vom Sturm

aufgewühlten Herzen mit sanftmütiger Ruhe bedeckt.

Der uns endlich versinken und träumen lässt, wie das Land, das sich einer unberührbaren Stille

hingegeben hat.


An die zeitlose Ewigkeit dieses Spiels, an das ich mein Herz verloren und in dem ich es gleichzeitig

wiedergefunden habe.


Über die Autorin


Janina ist angehende Heilpraktikerin für Phytotherapie,

Fachberaterin für ganzheitliche Frauenheilkunde und

leidenschaftliche Gärtnerin.

Ihr Wissen aus den Gebieten Alternative Medizin,

Heilpflanzen und Naturverbindung verbindet sie mit dem

tiefen Wunsch, Frauen auf ihrem Weg zur Heilung und

Ganzheit zu begleiten.

Sie bietet Beratungen rund um die Frauengesundheit,

sowie Workshops zu den Themen weibliche Urkraft,

Frauenheilkräuter und Zyklusbewusstsein an.

In ihrer Arbeit bedient sie sich oftmals der Hilfe alter

Mythologien und Erdrituale, um Frauen an ihre ur-eigenen Rhythmen und ihre Wildheit zu erinnern.

In ihrer kleinen Kräuterapotheke bietet sie unter dem Namen She Who Howls liebevoll selbst

hergestellte Naturprodukte an.

Im Dezember erwarten euch unter anderem aromatische Körnerkissen zur sanften Begleitung von

Unterleibsschmerzen, Elixiere und Tinkturen für die Hormonbalance, Öle für Gebärmutter- und

Yonipflege, natürliches Gleitgel, aphrodisierende Räuchermischungen und sinnliche

Badesalzkreationen.

Ihr findet Janina auf Instagram unter @she_who_howls und auf Facebook unter She Who Howls!


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24 Advents Love Stories powerd by Inga Laumann www.Ingalaumann.com

Instagram @Ingalaumann

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